Flickwerk eines Wahnsinnigen

Es braucht nicht viel, um einen musikalischen Höhepunkt zu erleben, eigentlich nur einen Raum, ein paar Stühle und hervorragende Musiker. Das dachte auch Georg Hirmer, der Vorsitzende der Kolpingsfamlie Pfreimd, als er kurzentschlossen sein Wohnzimmer für die Aktion "Beethoven bei uns" öffnete. Die Veranstaltungen fanden bundesweit am dritten Adventswochenende statt und bildeten gleichzeitig den Auftakt für die Feierlichkeiten zum Beethoven-Jahr 2020, das genau dort beginnen sollte, wo Beethoven einst begann: In den eigenen vier Wänden.

Es war schon etwas eng, als sich die 30 Zuhörer im Wohnzimmer einfanden, um den vier jungen Künstlern Renato Wiedemann (Violine 1), Laura Ion (Violine 2), Michael Falter (Viola) und Martin Matos Mendoza (Violoncello), die sich zum NORIS Quartett formten, zu lauschen. Die besondere Akustik in dem relativ kleinen Raum stellte die Streicher vor einige Herausforderungen, die sie bravourös meisterten und die Zuhörer waren so dicht am musikalischen Geschehen, dass sie die Musik körperlich spüren konnten.

Mit ihrem innovativen Debutprojekt "Flickwerk eines Wahnsinnigen" beschritt das NORIS Quartett aus Nürnberg neue Wege: Neben dem "Flickwerk" von Ludwig van Beethoven - das 8. Streichquartett op. 59 Nr. 2, welches im Zentrum des Programms stand - hat jeder der vier Musiker auch ein eigenes Stück komponiert, das sich thematisch jeweils an einem der originalen Sätze orientiert. Mit diesem Konzept schafften es die jungen Künstler meisterhaft einen Bogen zwischen alter und neuer Musik zu spannen.

Was den Zeitgenossen Beethovens als das „Flickwerk eines Wahnsinnigen“ erschien, ist im Spiel des NORIS Quartett ein in sich stimmiger Diskurs, der noch Raum dafür ließ, rhythmischen Pointen auszukosten und die wenigen kantablen Wendungen kurz anklingen und dann ebenso schnell wieder vergehen zu lassen. Den zweiten Satz musizierten die Musiker feierlich-kantabel, was an Schönklang nun nicht mehr zu übertreffen war. Beethoven überschrieb ihn mit: „Si tratta questo pezzo con molto di sentimento“ (mit viel Gefühl spielen). Das NORIS Quartett erfüllte Beethoven diesen Wunsch und intonierte ein so andächtiges wie schlichtes Gebet.

Die „Alla-Zoppa“-Rhythmik des dritten Satzes wurde unter den Händen der vier Streicher zu einer tänzerischen Leichtigkeit. Im Trio erklang dann ein Thème russe, das Beethoven einer zeitgenössischen Volkslied-Sammlung entnahm und aus dem er am Satzschluss eine kunstvoll gebaute Fuge entwickelte. Im Finale entfesselte die jungen Künstler dann nach all der Konzentration musikantisches Temperament.

Das musikprogrammatische Flickwerk aus Beethovens Werk und den selbst komponierten Stücken wurde erweitert durch ein Flickwerk mit Texten zu vier ganz unterschiedlichen Bereichen aus der Zeit, in der Beethoven das Streichquartett komponiert hat: Politik, Technik, Kunst, sowie Textzeugnissen von Beethoven selbst. Der begeisterte Applaus des Publikums bildete den Schlusspunkt für einen musikalischen Hochgenuss in einem ungewöhnlichen Ambiente.